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Arthur Schopenhauer : Bewusstsein

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 86 ff.

Das Bewusstsein ist in seinem Innern dunkel, ist mit allen seinen objektiven Erkenntniskräften ganz nach Außen gerichtet. Da draußen liegt vor seinen Blicken große Helle und Klarheit. Aber innen ist es finster, wie ein gut geschwärztes Fernrohr; kein Satz a priori [von vornherein] erhellt die Nacht seines eigenen Innern, sondern diese Leuchttürme strahlen nur nach außen.
(E. 22.)

Das Ich ist der finstere Punkt im Bewusstsein, wie auf der Netzhaut gerade der Eintrittspunkt des Sehnerven blind ist, wie das Auge Alles sieht, nur sich selbst nicht. Unser Erkenntnisvermögen ist ganz nach Außen gerichtet. Dem entsprechend, dass es das Produkt einer zum Zwecke der bloßen Selbsterhaltung entstandenen Gehirnfunktion ist. (W. II, 560.)

Unser Bewusstsein wird heller und deutlicher, je weiter es nach Außen gelangt, wie denn seine größte Klarheit in der sinnlichen Anschauung liegt; es wird hingegen dunkler nach Innen zu und führt, in sein Innerstes verfolgt, in eine Finsternis, in der alle Erkenntnis aufhört. Dies hat seinen Grund darin, dass das Bewusstsein Individualität voraussetzt, diese aber schon der bloßen Erscheinung angehört, indem sie als Vielheit des Gleichartigen durch die Formen der Erscheinung, Raum und Zeit, bedingt ist.

Unser Inneres dagegen hat seine Wurzel in dem, was nicht mehr Erscheinung, sondern Ding an sich ist, wohin daher die Formen der Erscheinung nicht reichen, wodurch dann die Hauptbedingungen der Individualität mangeln und mit dieser das deutliche Bewusstsein wegfällt. In diesem Wurzelpunkt des Daseins nämlich hört die Verschiedenheit der Wesen so auf, wie die der Radien einer Kugel im Mittelpunkt; und wie an dieser die Oberfläche dadurch entsteht, dass die Radien enden und abbrechen, so ist das Bewusstsein nur da möglich, wo das Wesen an sich in die Erscheinung ausläuft, durch deren Formen die geschiedene Individualität möglich wird, auf der das Bewusstsein beruht, welches eben deshalb auf  Erscheinungen beschränkt ist. (W. II, 370 fg.)

Wir können uns unserer nicht an uns selbst unabhängig von den Objekten des Erkennens und Wollens bewusst werden, sondern sobald wir, um es zu versuchen, in uns gehen und uns, indem wir das Erkennen nach Innen richten, einmal völlig besinnen wollen, so verlieren wir uns in eine bodenlose Leere. (W. I, 327, Anmerkung.)

Es gibt zwei entgegengesetzte Weisen, sich seines eigenen Daseins bewusst zu werden: einmal in empirischer Anschauung, wie es von Außen sich darstellt, als eines verschwindend kleinen, in einer der Zeit und dem Raume nach grenzenlosen Welt; - dann aber, indem man in sein eigenes Inneres sich versenkt und sich bewusst wird, Alles in Allem und eigentlich das allein wirkliche Wesen zu sein. (P. II, 236.)

Da unser Bewusstsein nicht den Raum, sondern allein die Zeit zur Form hat, so ist es kein stehendes, sondern ein fließendes. Der Intellekt apprehendiert [erfasst] nämlich nur sukzessiv [nach und nach] und muss, um das Eine zu ergreifen, das Andere fahren lassen, nichts, als die Spuren von ihm zurückbehaltend, welche immer schwächer werden. Eines verdrängt das Andere aus dem Bewusstsein. Auf dieser Unvollkommenheit des Intellekts beruht das Rhapsodische und Fragmentarische unseres Bewusstseins.  (W. II, 150 fg.)

Das, was dem Bewusstsein Einheit und Zusammenhang gibt, indem es, durchgehend durch dessen sämtliche Vorstellungen, seine Unterlage, sein bleibender Träger ist, kann nicht selbst durch das Bewusstsein bedingt, mithin keine Vorstellung sein; vielmehr muss es das Prius [Frühere] des Bewusstseins und die Wurzel des Baumes sein, wovon jenes die Frucht ist. Dieses ist der Wille. Er allein ist unwandelbar und schlechthin identisch, und hat, zu seinen Zwecken, das Bewusstsein hervorgebracht. Daher ist auch er es, welcher ihm Einheit gibt und alle Vorstellungen und Gedanken desselben zusammenhält, gleichsam als durchgehender Grundbass sie begleitend. Der Wille ist es, welcher alle Gedanken und Vorstellungen als Mittel zu seinen Zwecken zusammenhält, sie mit der Farbe seines Charakters, seiner Stimmung und seines Interesses tingiert [färbt], die Aufmerksamkeit beherrscht und den Faden der Motive in der Hand hält. Er ist der wahre, letzte Einheitspunkt des Bewusstseins und das Band aller Funktionen und Akte desselben. (W. II, 153.)

Das Bewusstsein beruht zunächst auf dem Intellekt, dieser aber auf einem physiologischen Prozess. Denn er ist augenscheinlich die Funktion des Gehirns und daher bedingt durch das Zusammenwirken des Nerven- und Gefäßsystems, näher, durch das vom Herzen aus ernährte, belebte und fortwährend erschütterte Gehirn. Ein individuelles Bewusstsein, also überhaupt ein Bewusstsein, lässt sich an einem unkörperlichen Wesen nicht denken, weil die Bedingung jedes Bewusstseins, die Erkenntnis, notwendig Gehirnfunktion ist. Da also das Bewusstsein nicht unmittelbar dem Willen anhängt, sondern durch den Intellekt und dieser durch den Organismus bedingt ist, so bleibt kein Zweifel, dass durch den Tod das Bewusstsein erlischt, - wie ja schon durch den Schlaf und jede Ohnmacht. (P. II, 289 fg.)

> Arthur Schopenhauer : Das Unbewusste

                 > Arthur Schopenhauer : Das geheimisvolle Ich

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