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 Arthur Schopenhauer :  Angeborener und erworbener Charakter

Textauszug aus: Heinrich Hasse , Schopenhauer , München 1926, S. 313 ff.
(Hinsichtlich der Quellenangaben sei auf das Original verwiesen.)

Der Charakter des Menschen ist individuell. Jedes Individuum trägt einen anderen, obwohl es die Haupteigenschaften der Spezies mit allen übrigen Vertretern derselben teilt. Die Wirkung des gleichen Motivs auf verschiedene Menschen ist eine ganz verschiedenartige, entsprechend wie das Sonnenlicht Wachs weiß, aber Chlorsilber schwarz färbt, die Wärme Wachs erweicht, aber Ton verhärtet. Deshalb kann man aus der Kenntnis des Motivs allein die Tat eines Menschen nicht vorhersagen, man muß dazu auch den Charakter desselben genau kennen.

Das aber ist nur im Verlaufe der Erfahrung möglich, sowohl bei anderen als auch bei uns selbst. In beiden Fällen enthüllen sich uns die wahren Charaktereigenschaften, oft zu unserer eigenen Enttäuschung, erst nach erfolgtem Willensakt. Die Reaktionen des individuellen Wollens auf die dargebotenen Motive sind es, welche uns die Augen über den betreffenden Charakter öffnen und die Erkenntnis desselben herbeiführen, statt daß diese Willensreaktionen im Sinne der älteren Ansicht ihrerseits Leistungen der Erkenntnis sind.

Der Mensch ist ein für allemal und erkennt sukzessive, was er ist. Der Charakter wird uns also empirisch und a posteriori [im nach hinein] bekannt. Daher kann keiner wissen, wie ein anderer, und auch nicht, wie er selbst in irgendeiner bestimmten Lage handeln wird, ehe er darin gewesen: nur nach bestandener Probe ist er des andern und erst dann auch seiner selbst gewiß. Dann aber ist er es: erprobte Freunde, geprüfte Diener sind sicher. Überhaupt behandeln wir einen uns genau bekannten Menschen wie jede andere Sache, deren Eigenschaften wir bereits kennen gelernt haben, und sehen mit Zuversicht vorher, was von ihm zu erwarten steht und was nicht.

Als zeitliche Entfaltung der überzeitlichen Idee des Menschen ist der empirische Charakter keiner durchgreifenden Veränderung, insbesondere keiner Entwicklung unterworfen. Er ist konstant. Unter der veränderlichen Hülle seiner Jahre, seiner Verhältnisse, selbst seiner Kenntnisse und Ansichten, steckt, wie ein Krebs in seiner Schale, der identische und eigentliche Mensch, ganz unveränderlich und immer derselbe. Bloß in der Richtung und dem Stoff erfährt sein Charakter die scheinbaren Modifikationen, welche Folge der Verschiedenheit der Lebensalter und ihrer Bedürfnisse sind. Der Mensch ändert sich nie: wie er in einem Falle gehandelt hat, so wird er, unter völlig gleichen Umständen (zu denen jedoch auch die richtige Kenntnis dieser Umstände gehört) stets wieder handeln.

 Demgemäß ist keine äußere Einwirkung auf den Willen, keine Belehrung oder Zurechtweisung imstande, ihn zu ändern. Er läßt sich nicht umschaffen. Von außen kann auf den Willen allein durch Motive gewirkt werden. Diese können aber nie den Willen selbst ändern: denn sie selbst haben Macht über ihn nur unter der Voraussetzung, daß er gerade ein solcher ist, wie er ist. Und zu glauben, daß die Erkenntnis wirklich und von Grund aus den Willen bestimme, ist wie glauben, daß die Laterne, die einer bei Nacht trägt, das ´primum mobile` [das erste Bewegende] seiner Schritte sei“. So bleibt, allem gegenteiligen Anschein zum Trotz, Senecas Wort zu Recht bestehen: Velle non discitur [Wollen lässt sich nicht lernen].

Das führt zu einer weiteren wichtigen Unterscheidung. Der Charakter des Menschen ist angeboren. Weit entfernt davon, eine tabula rasa [ein unbeschriebenes Blatt] zu sein, welche im Verlaufe des Lebens sich mit bestimmten Regungen füllt, tritt er in der tatsächlichen Grundverschiedenheit der ursprünglichen Neigungen nach der einen oder nach der anderen Seite hin mit markanter Deutlichkeit hervor. Er offenbart sich schon im Kinde, zeigt dort im kleinen, was er künftig im großen sein wird. Daher legen, bei der allergleichesten Erziehung und Umgebung, zwei Kinder den grund- verschiedensten Charakter aufs deutlichste an den Tag: es ist derselbe, den sie als Greise tragen werden.

Die Tatsache, daß der Charakter des Menschen angeboren ist, erklärt die Konstanz desselben, für die empirische Betrachtung in entsprechender Weise, wie dieselbe metaphysisch durch die Lehre vom intelligiblen Charakter begreiflich wird.

Aber der angeborene Charakter ist modifizierbar. Die Tatsache und der Umfang seiner Modifikabilität [Veränderbarkeit] ergibt sich aus der Möglichkeit einer Berichtigung der Erkenntnis. Können auch die Motive nie den Willen selbst ändern, so können sie doch die Richtung seines Strebens ändern und dazu führen, daß er das, was er, seinem Wesen gemäß, unveränderlich sucht, auf anderen Wegen zu erreichen trachtet als bisher. Er kann, belehrt darüber, daß er in der Wahl der Mittel geirrt hat, sein gleiches, unverändertes Grundziel auf anderen Bahnen und selbst an ganz anderen Objekten verfolgen als dies bisher geschehen. Z. B. kann die Gier nach sinnlichem Genuß im Knabenalter auftreten als Naschhaftigkeit, im Jünglings- und Mannesalter als Hang zur Wollust, im Greisenalter wieder als Naschhaftigkeit, Ehrsucht oder Geiz. Wenn also auch allerdings sein Handeln sehr verschieden zu verschiedenen Zeiten sich darstellt, so ist sein Wollen doch ganz dasselbe geblieben. Velle non discitur. [Wollen lässt sich nicht lernen].

Selbst die entgegengesetztesten Perioden des individuellen Lebens machen davon keine Ausnahme. Es kann zwar kommen, daß ein Mensch im Alter etwas besser, ein anderer wiederum schlechter erscheint, als er in der Jugend war: dies liegt aber bloß daran, daß im Alter infolge der reifern und vielfach berichtigten Erkenntnis, der Charakter reiner und deutlicher hervortritt; während in der Jugend Unwissenheit, Irrtümer und Chimären bald falsche Motive vorschoben, bald wirkliche verdeckten.In dem klassischen Essay Vom Unterschiede der Lebensalter, im ersten Bande der Parerga und Paralipomena hat Schopenhauer diesen Gedanken im einzelnen durchgeführt und näher erläutert.

Der Spielraum für die Modifikationen des Charakters wird bestimmt durch die Eigenart des Intellektes. Der Intellekt ist, im Gegensatz zum Willen, nicht metaphysisch. Er fällt in die Sphäre der Erscheinung und mithin in die Zeit. In dieser spielt sich sein gesamter Vorstellungsverlauf ab. Als zeitliches Geschehen findet auch eine dauernde Bereicherung und Berichtigung seiner Einsichten statt, durch welche er dieselben umgestalten und ausgestalten kann. Er ist das Veränderliche, welches dem unveränderlichen Willen immer neuen Stoff an Motiven entgegenbringt. Das gibt dem Willen Gelegenheit, sein konstantes, unveränderliches Wesen in neuartigen Formen zu entfalten.

Die Berichtigung der Erkenntnis erstreckt sich aber auch auf die Bekanntschaft mit unserem Charakter selbst. Durch stetig wachsende Erfahrung lernen wir nicht nur die für unsere obersten Willensziele geeigneteren Mittel, nicht nur die Charaktere Anderer, sondern auch uns selbst kennen. Erst Erfahrung klärt uns im Laufe allmählicher Bekanntschaft mit uns selbst über unser Wollen und Können auf, uns zeigend, was wir als menschliches Individuum eigentlich zuoberst wollen, was die zweite und dritte Stelle nach diesem einnimmt.

Der Einblick in diese Zusammenhänge gestattet uns, dem Kompaß unseres Lebens zielbewußt zu folgen und unsere Anlagen planvoll zu verwalten. Das ist die Lehre vom erworbenen Charakter, welche die Lehre vom angeborenen Charakter bedeutsam ergänzt.

Erworbenen Charakter besitzen wir, wenn wir, aus gründlicher Kenntnis der unabänderlichen Eigenschaften unseres empirischen Charakters, des Maßes und der Richtung unserer geistigen und körperlichen Kräfte, also der gesamten Stärken und Schwächen unserer eigenen Individualität, bewußt diese Kenntnis zu sachgemäßer Anwendung bringen.

Dies setzt uns in den Stand, die an sich einmal unveränderliche Rolle der eigenen Person, die wir vorhin regellos naturalisierten, jetzt besonnen und methodisch durchzuführen und die Lücken, welche Launen oder Schwächen darin verursachen, nach Anleitung fester Begriffe auszufüllen.

Ohne solche Regelung unserer selbst irrlichtelieren wir planlos hin und her, greifen gern, wie die Kinder auf dem Jahrmarkt, nach allem, was reizt, und gelangen zu nichts. Der erworbene Charakter beruht also gleichfalls auf Berichtigung der Erkenntnis, nicht auf Änderung des Wollens. [...]

Da wir erst durch Erfahrung und nach beendetem Kampf der Motive, gleich den Andern, auch uns selbst kennen lernen, ist es keine vergebliche Mühe, an einer Besserung unseres Charakters zu arbeiten und der Gewalt böser Neigungen zu widerstreben. Die Lehre vom angeborenen Charakter und seiner Konstanz bietet durchaus keinen Anlaß, sich tatenlos dem Unabänderlichen zu unterwerfen und jeder beliebigen Regung nachzugeben. Denn keine Wirkung tritt ohne ihre Ursache ein. Wir haben kein Recht, der Entscheidung des Charakters vorzugreifen, welcher erst im Kampfe der Motive seine Eigenart enthüllt.

Die Taten, welche solchermaßen zustandekommen, sind es allererst, die unser inneres Selbst offenbaren. Angesichts ihrer geschieht es, daß der Mensch bald mit Seelenangst, bald mit innerer Befriedigung auf den vollbrachten Lebenslauf zurücksieht. Im Spiegel unserer Taten erblicken wir das getreue Abbild unseres Charakters. Da wir von ihnen also nicht im voraus, sondern erst nachträglich Kenntnis gewinnen, kommt es uns zu, in der Zeit zu streben und zu kämpfen, eben damit das Bild, welches wir durch unsere Taten wirken, so ausfalle, daß sein Anblick uns möglichst beruhige, nicht beängstige. Die ethische Einsicht in die Konstanz des angeborenen Charakters führt nicht zu moralischer Passivität.

Weiteres > Moralische Freiheit und intelligibler Charakter

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